WÜRDE-Kongresstival Online 2020

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Sendezeit:

Sonntag, 25. Oktober 13:00

Klaus Fessmann

Künstlerischer Beitrag:

WÜRDE:

Heute, in den Zeiten der sich in meinen Augen und Ohren meist anmassend und übergriffig verhaltenden Politiker, raffgierigen Wirtschaftsbossen, scheinbaren Mit-Menschen, deren Blick und Wert nur auf Geld und Macht gerichtet ist, um mit allen Mitteln diese Gier zu befriedigen, dort wo Werte wie Humanität, wie Vertrauen, wie Ehre, Achtung Fremdwörter sind, wo mit allen Mitteln der Ellbogenfreiheit Raum geboten wird, heute über das Thema Würde öffentlich nach zu denken war für mich wie ein Echo aus einem fremden Land, aus Atlantis, oder Kastalien vielleicht, könnte sein.

Was heisst es darüber nachzudenken, was das ist, diese Phänomen, oder sein würde, sein könnte. Darüber zu reflektieren, zu suchen wen man kennt, der dies lebt, wie die Gesellschaft auch und gerade in Zeiten der Virus-Hysterie mit solch einem Wert umgeht, wer ihn noch besitzt, jemals besass, wie er heute, nachdem er in der Vergangenheit primär einem Menschen zugeordnet wurde, heute auch in der Natur, den Tieren, den Pflanzen, Erdteilen vorkommt und benutzt wird. Auch zu wissen, wo mit ihm Miss-brauch getrieben wird, wo er der Lächerlichkeit Preis gegeben wurde und wird. Ich denke: Lebe ich ihn? Achte ich ihn? Finde ich ihn not-wendig (um die Not zu wenden), brauche ich so etwas um zu leben, würde ich ihn vermissen?

Mein Leben bestand und besteht, neben der Liebe zu meiner Frau, meinen Kindern, meinen Enkeln, meinen Freunden, ausschließlich aus dem Lehren und Spielen, der Beschäftigung mit dem umfassendsten immateriellen Phänomen dieses Planten, der Musik. Musik, ganz so wie es Rilke denkt wenn er schreibt: „Musik, du mehr als wir / Von jeglichem Warum befreit / Du Sprache wo Sprachen enden / Du Zeit die senkrecht steht / Auf der Richtung vergehender Herzen / Gefühle zu wem ?“ Nada Brahma, die „Welt ist Klang“ sagen und leben die Inder, die Schwaben dagegen schrieben dem Autor ins Stammbuch: „Hetsch halt was Rächts glernt.“ Das war keine Würde, die einem dort entgegen gebracht wurde, dort wo es nur ums Geld scheffeln, ums Häusle bauen geht.

Nicht nur den Hölderlin verbannte man in den Turm, er, der „in Armen der Götter gross wuchs“, der vom „Wohllaut des säuselnden Hains“ erzogen wurde. Dort, im Schwäbischen erinnere ich mich nicht an Würde, auch an wenig würdevolle Momente. Würde vermisste ich, als die schwäbischen Mit-Jungs schon auf dem Kindergarten-Heimweg mich hinausjagen wollten aus der Stadt, da der Spross einer Heimatvertriebenen hier samt Mutter nichts verloren hat. Die Finger wollten sie einem brechen, die der Lehrer Barth mit dem Rohrstock wund geschlagen hatte, dass er nicht mehr Klavierspielen konnte, der Klaus. In Nürtingen lernte ich sicherlich keine Würde kennen, ausser wenn ich bei meiner Oma mütterlicherseits sein konnte, die, trotz Verlust der gesamten sudetendeutschen Existenz, davongejagt von den Tschechen mit zwei Töchtern und drei Rucksäcken niemals ihre Würde verloren hatte. Sie, die mit den letzten Stoffresten, die sie irgendwo finden konnte sich die besten und schönsten Kleider schuf und Sonntags mit dem Enkel die 4 km in die Katholische Kirche ging, dieser Hort der von den Schwaben diskriminierten Religion, dort wo ich die Würde als Achtung, als Liebe kennenlernte. Die Gewänder der Priester, der Weihrauch, der unvorstellbare würdevolle, voller Würde sich ergiessende Klang der Orgel, all das, verbunden mit dem Singen der Sprache, derem Klang ich mich hingeben konnte, da ich Latein noch nicht kannte, das alles samt der umfassenden Wert-schätzung dieser Gemeinschaft im Gefühl der Dankbarkeit alles überlebt zu haben. Das war allumfassende Würde.

Ich bin schon sehr überzeugt, dass, würde die Menschheit sich eher um dieses Beziehungs-phänomen Würde kümmern, Vieles sinn-erfüllter sein würde, es weniger Gift im Miteinander geben würde, und man könnte man die Konjunkturform dieses Substantivs im Duden streichen. Ver-suchen wirs nach dem Motto: „Leben heisst Veränderung sagte der Stein zur Blume und flog davon.“

KURZBIO:

Mein Beitrag zum Kongresstival: